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Briefe an eine junge Frau – Rainer Maria Rilke, 2. Februar 1923

Château de Muzot sur Sierre (Valais) Schweiz,

am 2. Februar 1923


Die gleichen Ängste und unaussprechlichen Überstürzungen, die Sie so leiden machen, lassen mich mehr und mehr verstummen; Ihren bewegten vorletzten Brief zu erwidern, liebe Freundin, wie oft hatte ich mirs vorgesetzt und es aufgeschoben für die bessere und glücklichere Stunde: damit Sie ganz erfahren könnten, wie er (mit seinem großen Vier-Blatt) bei mir, zu Herzen, empfangen war. Aber mein Sommer und erst recht mein Herbst waren von viel Unsicherheiten heimgesucht, und wenn ich nun versuche, einsam in meinem alten Turm, diesen Winter dem guten vorigen möglichst anzuähneln, so hat auch das seine Mühe, teils weil die Gesundheit weniger gleichmäßig ist, teils eben wegen jener eindringlichen Verstörungen, die die wieder ins Ärgere stürzenden allgemeinen Verhältnisse allem, was man beginnen mag (genau, wie es im Kriege war!), mitteilen. Was das angeht, so kann ich manchen Satz, den Sie schreiben, wörtlich für mich in Anspruch nehmen; den: »Schon gehört am Tage die Hälfte meiner Gedanken nicht mehr mir, und die Nächte sind voll fiebrischer Visionen.« Den und andere … Denn mir geht es nicht anders. – Was geschieht? Und was sind wir in diesem Geschehen? – Es ist, auch immer noch wie im Kriege, aufdringlich und dabei doch kaum uns angehend, ein fremdes Unglück, in das man mit verwickelt wird –. Ists nicht oft, als könnte man in einem Atemzuge sich darüber hinüber heben? – Oft auch, wie man im Gehen durch Sommerwiesen an ein niedres Blühen streift, das antwortet mit frei werdendem Duft, gerät man an irgendeine unscheinbare Tröstlichkeit im Gemüt, die sich gleich, wie aus zurückgehaltenen Überflüssen, mitteilt … Ihr Brief selber ist voll solcher Überraschungen, voll von diesen reinen Wohlgerüchen des Herzens, die nur der kennen lernt, der durch ein völliges Armsein gegangen ist.


Für mich, so wie ich alles sehe und es, meiner Art und Anlage nach, erleben muß, besteht kein Zweifel, daß es Deutschland ist, das, indem es sich nicht erkennt, die Welt aufhält. Die vielfältige Zusammensetzung und weite Erziehung meines Blutes gewährt mir eine eigentümliche Distanz, dies einzusehen. Deutschland hätte, im Jahre 1918, im Moment des Zusammenbruchs, alle, die Welt, beschämen und erschüttern können durch einen Akt tiefer Wahrhaftigkeit und Umkehr. Durch einen sichtlichen, entschlossenen Verzicht auf seine falsch entwickelte Prosperität –, mit einem Wort: durch jene Demut, die so unendlich seines Wesens gewesen wäre und ein Element seiner Würde und die allem zuvorgekommen wäre, was man ihm an fremdartiger Demütigung diktieren konnte. Damals – so hoffte ich einen Augenblick – sollte in das seltsam einseitig und einwillig gewordene deutsche Gesicht der verloren gegangene Zug jener Demut, die in den Zeichnungen Dürers so konstruktiv anmutet, wieder eingetragen, nachgetragen werden!

Vielleicht waren ein paar Menschen da, die das fühlten, deren Wünsche, deren Zuversicht nach einer solchen Korrektur gerichtet waren, – jetzt beginnt es sich zu zeigen und schon zu rächen, daß sie nicht geschehen ist. – Etwas ist ausgeblieben, was alles ins Maß gerückt hätte; Deutschland hat versäumt, sein reinstes bestes, sein auf ältester Grundlage wiederhergestelltes Maß zu geben –, es hat sich nicht vom Grunde aus erneuert und umbesonnen, es hat sich nicht jene Würde geschaffen, die die innerste Demut zur Wurzel hat, es war nur auf Rettung bedacht in einem oberflächlichen, raschen, mißtrauischen und gewinnsüchtigen Sinn, es wollte leisten und hoch- und davonkommen, statt, seiner heimlichsten Natur nach, zu ertragen, zu überstehen und für sein Wunder bereit zu sein. Es wollte beharren, statt sich zu ändern. Und so fühlt man nun: … etwas ist ausgeblieben. Ein Datum fehlt, an dem Anhalt gewesen wäre –. Eine Sprosse fehlt in der Leiter, daher die unbeschreibliche Besorgnis, die Angst, das »Vorgefühl eines jähen und gewaltigen Sturzes« … Was tun? Halten wir uns jeder auf unserer noch stillen, noch verläßlichen kleinen Lebens-Insel, das Unsere leistend auf ihr, das Unsere leidend und fühlend. Die meine ist mir nicht ständiger und nicht gesicherter als Ihnen die Ihre –, ich bin Gast, wo Sie Pächter sind; aber nun soll wirklich Ihre Frist im Herbst abgeschnitten sein, nachdem Sie ihm, dem Pachtherrn, sein Land geweckt und entwickelt haben in dreijährigem Umgang? Besteht keine Möglichkeit, ihn eines Besseren zu überzeugen? Ich kann mir denken, wie unendlich schwierig es ist, jetzt eine ähnliche andere Stelle zu finden –, nach Argentinien zu gehen, entspräche wenig Ihrer Einstellung und Ihrem Bedürfnis, Anschluß zu haben an ein vertraulicheres, irgendwie doch mitwissendes Erdreich –, außerdem sind ja auch dort die Verhältnisse nicht mehr, wie einst, den Mut und die Kräfte begünstigend …


Aber welches Ergebnis doch, welcher volle große Ertrag, wenn Sie die weimarer Jahre überschauen! So sicher ist dieser Gewinn, daß, hätten Sie nicht daran gedacht, im Verlauf Ihrer dritten Briefseite, den Strich zu ziehen und die Summe andeutend zu formen, ich doch die gute gesunde Fülle aus Ihren – selbst noch den beängsteten – Zeilen, wie aus Spalieren, im Lesen würde ausgelöst haben. Das läßt mich, weiter und immer, das Gute für Sie hoffen, das ich Ihnen wünsche und das zu lieben Sie so tief fähig geworden sind.


RMR. Rainer Maria Rilke 1875 – 1926

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