Briefe an eine junge Frau – Rainer Maria Rilke, 19. Mai 1922
- Amanda

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Aktualisiert: vor 6 Tagen
Château de Muzot sur Sierre (Valais) Schweiz,
am 19. Mai 1922
Ihr schöner herzstimmiger Brief, damals im April! Aber wie weit blieben Sie hinter seiner Fähigkeit, zu mir zu sein, zurück, als Sie, am Schluß, den Wunsch aussprachen, ich möchte ihn »freundlich« aufnehmen; Sie hätten, um der Wahrheit näher zu kommen, schon »freudig« sagen müssen –, und dieses Freudig wäre sehr groß zu schreiben gewesen. Wie Gutes Sie zu berichten hatten, wissen Sie denn völlig, wie gut das ist, was Sie erzählen?: zuweilen, vielleicht, merken Sie den Anschlag an das reine harte Metall der Tatsachen, aber ich hier, wenn Sie so ehrlich und fest dran rühren, vernehme den Klang, den Glockenklang und erfahre das, was es im Raume gilt, in seiner Freiheit und Weite.
Ihr ganzer mühsamer und unerbittlicher Winter, in seiner Härte, muß wie eine Art gefrorener Frohheit gewesen sein, ein Block reiner starker Zukunft, der sich nun gelöst hat (wünsch ich) flutend, rauschend, in den Frühling hinein. Nun grüßen unsere Gärten einander! In meinem (freilich wenig selber mittuend, weil mir Übung, Erfahrung und Griff fehlen) hab ich mehr als hundert Rosen angesiedelt, meine Mitarbeit an ihnen beschränkt sich auf die Arbeit des Begießens jeden Abend –, das läßt sich nicht sehr abwandeln, daß man gerecht sei, ist alles, und doch, vielleicht, da es überall auf die Nuance ankommt, wenn mans aufmerksam und zugleich nachdenklich besorgt, läßt sich auch da mit dem still ausgeteilten Wasser, bescheiden, etwas Eigenes hinübergeben und einflößen ins unendlich aufnehmende Wachstum.
Was mich erstaunt und beschäftigt, ist Ihre starke und beholfene Kraft, mit der Sie sich, in den schwierigsten Umständen, so tüchtig an Ihr Land anwenden; mir fehlt die Geschicklichkeit dafür und die Ökonomie der Handlung, versuch ich’s manchmal, so ist’s nicht ohne Hast, und was widerspräche dem Gärtnern mehr als Eile, als Überstürzung?
Aber vom Geistwerk zu solchem Handwerk überzugehen, welche Freude und Frische ergäbe das; wie könnte eines vom anderen lernen und Vorteil ziehen, hätte man nur hier und dort Métier, Sicherheit, Erfahrung, Haltung, mit einem Wort: Können. Ich werde wohl im inneren Gärtnern mein Bewenden haben müssen und dem anderen zuschauen, tiefer zuschauen, womöglich, wie ich Ihren Blumen und Briefen zuschaue (die beide im gleichen Glauben aufgehen).
Mein inneres Gärtnern war herrlich diesen Winter.
Das plötzlich wieder heile Bewußtsein meiner tief bestellten Erde ergab mir eine große Jahreszeit des Geistes und eine lange nicht mehr gekannte Stärke des Herzstrahles. Die mir über alles lieben (1912 in großartiger Einsamkeit begonnenen und seit 1914 fast ganz unterbrochenen) Arbeiten konnten wieder aufgenommen –,
konnten, unter unendlicher Fähigkeit, zu Ende gebracht werden. –

Daneben ging eine kleine Arbeit her, fast ungewollt, ein Nebenstrom, über fünfzig Sonette, die Sonette an Orpheus genannt, und geschrieben als ein Grabmal für ein jungverstorbenes Mädchen. (Sieben daraus hab ich für Sie in ein kleines Heft eingetragen, das ich hier beifüge.) Wäre diese Auswahl größer geworden, oder könnte ich Ihnen die andere, die große Hauptarbeit vorlegen, – Sie würden merken, wie, an manchen Stellen, die Ergebnisse unserer Winter einander ähnlich sind. Sie schreiben von dem in jedem Moment schon Erfülltsein, schon Überreichsein des inneren Daseins, von einem (wenn man nur recht zusieht) alle später möglichen Entbehrungen und Verluste schon von vornherein überwiegenden und gleichsam widerlegenden – Besitz. – Genau dies habe ich diesen langen Winter in der Tiefe meiner Arbeit erfahren, mehr und unwiderruflicher, als ich es bisher wußte: daß das Leben jedem späteren Armwerden mit den, seine Maße übertrefflichsten Reichtümern schon längst zuvorgekommen sei. – Was also bliebe zu fürchten? – Nur daß man dies vergäße! Aber um uns, in uns, wieviel Hülfen zur Erinnerung.
Rainer Maria Rilke



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